Zwei Tage – vom 28. bis zum 29. 9.) habe ich mich im RRZE (Regionalen Rechenzentrum Erlangen) auf dem Webkongress zum Thema “Barrierefreies Internet” herumgetrieben (BTW: Ich bevorzuge den Begriff “barrierearm”, weil es mE Barrierefreiheit nicht geben kann).
Der erste Eindruck: Ich war noch nie auf einer Tagung, die besser organisiert wurde. Besonders wichtig: Der wechsel zwischen den beiden Sektionen lief problemlos. Danke an das Orga-Team!
Meine Bericht ist naturgemäß eher techniklastig. Für mich stand die Frage nach der Vereinbarkeit von Content Management Systemen mit den Anforderungen der BITV im Vordergrund. dennoch bleib auch etwas Zeit für andere Vorträge.
Themen und Referenten waren vom Feinsten: Carsten Euwens, Chefprogrammierer von Papoo, führte in das CMS ein, das in seiner Basisversion kostenlos ist. Papoo tritt mit dem Anspruch an, barrierefrei zu sein, und bietet auch einige Features wie die Verwendung des AccesKeyPads nach Hellbusch und eine automatisierte Sprachauszeichnung bei Sprachwechsel. Wermuthstropfen:
- Das standarmäßig eingebundene Kontaktformular ist sehr beschränkt,
- eine Cacheverwaltung, wie sie für größerer Websites mit höherern Zugriffsraten nötig wird, ist erst in Arbeit.
- Die kostenfreie Version enthält nur sehr wenige Zusatzfeatures, die der Kunde braucht.
Mein Fazit: Ich werde das System einmal testen und vermute eine echte Alternative zu WordPress, wenn ich kleine Websites umsetzen möchte.
Mein Highlight: Volker Buzek vom RRZE mit seinem Erlebnisbericht zur Umsetzung einer barrierefreien Website mit TYPO3. Da ich meist mit TYPO3 arbeite, wollte ich wissen, wie die Seite des Gehörlosen Institut Bayern (giby.de) entstanden ist. Sein Ansatz: Wie laßt sich eine Website mit TYPO3 möglichst wenigen Extensions und ohne Systemveränderung barrierearm gestalten? Obwohl er mit Version 3.8.1 arbeitete, hat er den RTE eingebunden und den redakteuren mit eingeschränkten Optionen zur Verfügung gestellt. Neben einigen technischen Schmankerln war deas wichtigste Ergebnis: Im Gespräch mit den Redakteuren und Endusern sollte man genau zuhören, um die Zielgruppe der Seite zu erreichen und die dauerhafte Barrierefreiheit der Seite zu gewährleisten, indem man den Redakteuren die geeignete Arbeitsumgebung zur Verfügung stellt.
Auch nett: Jan Schwate mit einem Vergleich einiger Open YSource CMS mit Blick auf ihre Barrierefreiheit. Thema waren Drupal, Papoo, Joomla, WordPress und TYPO3. Leider mußte der Vergleich angesichts der kurzen Vortragsdauer an der Oberfläche bleiben. Dennoch können wir alle CMS in die Liste derer aufnehmen, die wir in Betracht ziehen, wenn wir eine valide oder sogar barrierefreie Seite erstellen wollen. Die Schönheit liegt hier wie üblich im Auge des Betrachters, bzw. sollte man sich das geeignete System für den konkreten Fall individuell heraussuchen.
Ein Thema, was immer noch nicht zufriedenstellend gelöst ist: Das barrierefreie Backend. Gerade TYPO3 macht hier einen Spagat. Es erlaubt die Erstellung valider Seiten, wenn:
- man auf allzu exotische Extensions verzichtet
- und das eigene Template valide erstellt
- den RTE restriktiv konfiguriert
- Version 4.0 verwendet
- und weil man hier beliebte Extensions mit modernen, css-gesteuerten Templates einbauen kann.
Leider ist das Backend immer noch Javascript-abhängig und im Frameset. Hoffentlich bringt Version 5 hier eine grundlegende Änderung.
Nach der Mittagspause verschafften Monika Weigand und Ernst Heßdörfer uns einen Eindlick in die eLearning-Plattform von BFW-Online, dem berufsförderungswerk in Würzburg, das sich besonders an Blinde und Sehbehinderte wendet. Geneau genommen handelt es sich hier um blended learning mit zwei Präsenzphasen. Das hochspezialisierte System, das gerade die Bedürfnisse der Blinden und Sehbehinderten berücksuichtigt, sorgt jedoch dafür, dass die Zielgruppe (und andere) sich kostengünstig fortbilden können.
Barrieren im Internet für Gehörlose erläuterte Ralph Raule von Gebärdenwerk. Gehörlose kommunizieren über die seit 2002 als eigenständiges Idiom anerkannte Gebärdensprache, die von der Grammatik her nicht mit der deutschen Sprache vergleichbar ist. Textseiten in Deutsch sind also für deutsche Gehörlose (wenn nicht spätertaubt) ein fremdsprachiges Medium. Von Muttersprachlern gebärdete, äquivalente Inhalte in Filmen sind hier ein vergleichsweise kostengünstiges Medium, um die Zielgruppe zu erreichen.
Last but not least: Ein Überblick von Jan Eric Hellbusch über Kriterien, die BIENE-Preisträger mit ihren Seiten in den letzten Jahren erfüllt haben. Interessant: Eine Website mit leichter Sprache hat 2003 einen Sonderpreis gewonnen. Leichte Sprache, verständlich für geistig Behinderte, Menschen mit eingeschränkten deutschen Sprachkenntnissen und vermutlich auch ältere Menschen, die dem Lernen entwöhnt sind, ist mE ein Medium, das zu oft auf der Strecke bleibt.
Krönung des Abends für alle Hardware-Liebhaber: Die Führung durch das RRZE.
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17. Oktober 2006 um 14:28 Uhr
Hallo,
ich bin auf der Suche nach einem barrierefreien Template für WordPress. Gibt’s da was? Wenn ja – wo finde ich welche.
Vielen Dank für alle Tipps im Voraus!
gruß,
Manuel
6. Oktober 2006 um 11:06 Uhr
Danke für die netten Worte!
Hier auf der T3CON zeigt ein genauerer Blick auf Typo3 4.x, daß viele der händischen Tricks, die für giby.de (und damit Typo3 3.8.x) notwendig waren, jetzt Ihren Weg als Standards in das System gefunden haben (Beispiel: Verschachtelung von Ungeordneten Listen als Navigation, Attributierung von Grafiken und Tabellen).
Das Zuhören allerdings kann auch -wie wir wissen- die beste Technik nicht ersetzen